Proteste in Brasilien nach tödlichem Polizeieinsatz
Nach dem Tod eines zehnjährigen Jungen bei einem Polizeieinsatz in einer Favela der brasilianischen Großstadt Rio de Janeiro will der Gouverneur des Bundesstaates Rio nun mehr Polizeikräfte in die Armutsviertel entsenden. Luiz Fernando Pezao erklärte gegenüber dem Fernsehsender Globo, der Stadtteil Alemao werde „von Kriminellen gesäubert“. Gleichzeitig gehen die Proteste gegen die Polizeigewalt weiter. Die geplante Befriedung der zahlreichen Favelas steht im Zusammenhang mit den Olympischen Sommerspielen im kommenden Jahr. Pezao sagte, bei der Befriedung der Viertel seien diesmal keine Soldaten vorgesehen. Im Jahr 2010 hatten Armee und Polizei das Viertel gemeinsam für längere Zeit besetzt und Jagd auf echte und vermeintliche Kriminelle und Bandenmitglieder gemacht. Dutzende Aktivisten der Organisation Rio de Paz zogen am vergangenen Sonntag zur Copacabana und trugen als Symbol einen weißen Sarg im Sand zu Grabe.
Tödliche Gewalt in Brasilien an der Tagesordnung
Mit dieser Aktion wollten sie an die Tötung des zehnjährigen Eduardo de Jesus Ferreira bei einem Polizeieinsatz vergangene Woche erinnern. Der Junge starb nach Angaben der Polizei bei einem Schusswechsel mit Rauschgifthändlern, als er in das Kreuzfeuer geriet. Seine Eltern sprachen allerdings von gezielter Tötung durch die Beamten der Anti-Drogen-Polizei. Die Demonstranten hielten Schilder mit den Namen von 18 Kindern in den Händen, die von 2007 bis 2015 ebenfalls bei Schiessereien zwischen der Polizei und Drogenbanden in den Armutsvierteln von Rio ums Leben kamen. Der Gründer von Rio de Paz sprach von einem „Weckruf“ für die brasilianische Gesellschaft. Die Hauptursache für den Tod vieler junger Menschen sei die „Kluft zwischen Arm und Reich“ und die Korruption. Durch diese vervielfältige sich die Kriminalität im Land.
Fast 51.000 Tote durch Gewaltkriminalität in Brasilien
Nach Angaben des Forums für Öffentliche Sicherheit werden in Brasilien pro Jahr bis zu 51.000 Menschen ermordet, alle 10 Minuten eine Person. Knapp 70 Prozent der Opfer sind Schwarze oder Mulatten und mehr als die Hälfte von zwischen 15 – 29 Jahre alt. Alleine Brasiliens Polizei tötet pro Tag durchschnittlich bis zu 6 Menschen, meist in den berüchtigten Favellas der großen Metropolen wie Rio oder Sao Paolo. Seit 2009 wurden demnach landesweit 11.200 Menschen von Polizisten getötet. Das sind sogar mehr als in Ländern wie Honduras, den USA oder Russland, wo ähnlich hohe Zahlen erreicht werden. Die nachgewiesenen Daten bezeugen nach Angaben des Forums, dass die brasilianische Polizei bei der Bekämpfung der Kriminalität sehr oft über die Stränge schlage und nicht selten auch unschuldige Zivilisten getötet würden.
Gewalt hat zahlreiche Ursachen
Bruno Paes Manso vom Zentrum für Gewaltstudien an der Universität São Paulo spricht auch von zahlreichen Exekutionen von Verdächtigen durch die Beamten. Dies sei eine gängige Praxis, die totgeschwiegen werde. Die Welle der Gewalt in Brasiliens Großstädten hat viele Gründe. Armut, Korruption, Drogenmachtkämpfe, Revierkämpfe zwischen Banden, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und vieles mehr. Brasiliens Regierung verspricht seit Jahren, die Probleme angehen zu wollen, doch eine Besserung ist nicht in Sicht. Die Gewalt eskaliert immer weiter und ein Ende der Spirale ist kaum absehbar. Nach Ansicht von Experten müsse die Regierung zu radikalen Mitteln greifen und die Favellas abreißen und mit modernen Neubauten ersetzen. Nur so könnten den bewaffneten Banden der Nährboden entzogen werden, immer wieder neue Jugendliche anzuwerben.