Brasilien steht vor einer Rezession
Brasilien, die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, steht vor einer Rezession. Der Rohstoffboom ist vorbei und wurde tragischerweise kaum genutzt, um die Wirtschaft fit zu machen für die Zeit danach. Auch in Bildung und Infrastruktur wurde nicht ausreichend Geld investiert. Nach einem Jahrzehnt mit enormen Wachstumsraten stagniert die Wirtschaft des riesigen Landes seit 2013. Jetzt steht sie sogar dicht vor einer Rezession, denn in den ersten drei Monaten schrumpfte das BIP um 0,2 Prozent. Das gab das Statistikamt in der Hauptstadt Brasilia am Freitagabend bekannt. Niemand geht ernsthaft davon aus, dass sich die Situation allzubald verbessert. Die Regierung erwartet gar einen Rückgang von 1,2 Prozent. Die Nachrichten aus dem gewaltigen Flächenstaat am Amazonas sind derzeit fast nur negativer Natur. Ausufernde Korruption bei den großen Ölmagnaten, immer mehr organisierte Kriminalität und viele weitere Probleme plagen das Land.
Rohstoffreichtum als „süßes Gift“
Es gibt immer mehr Demonstrationen gegen die Präsidentin Dilma Rousseff, welche auch für die drastisch steigenden Preise und veraltete Schulbusse verantwortlich gemacht wird. Die Olympischen Sommerspiele 2016 galten als großer Hoffnungsschimmer, doch derzeit wird mit ihnen nur eine gigantische Kostenexplosion in Verbindung gebracht. Der Rohstoffreichtum wurde von der Regierung nie für Investitionen genutzt. Das Land hat gewaltige Vorkommen an Eisenerz, Kupfer und Öl. Über die Hälfte der Ausfuhren sind demnach auch Rohstoffe. Solange deren Preise in die Höhe schnellten, boomte Brasilien. Die Löhne stiegen stark, der Konsum wurde zur Hauptstütze der Konjunktur. Doch nun fielen Ölpreise und die Vorkommen sind endlich. Brasilien müsste dringend seine Wirtschaft auf Alternativen für die Zeit nach dem Rohstoffboom vorbereiten, doch es tut sich zu wenig.
Präsidentin Rousseff muss in die Stichwahl
Bei den Präsidentschaftswahlen am gestrigen Sonntag, dem 5.10., hat Amtsinhaberin Rousseff von der Arbeiterpartei PT die meisten Stimmen erhalten – entschieden ist damit jedoch noch gar nichts. 41% der Wähler stimmten für die seit 2011 amtierende Präsidentin, 34% für den Sozialdemokraten Aécio Neves. Damit hat Rousseff ihr Ziel, mit zehn Prozent Vorsprung auf die Konkurrenz aus der Wahl hervorzugehen, nicht erreicht. Am 26. Oktober kommt es zur Stichwahl zwischen der Präsidentin und dem Herausforderer. Die wahre Verliererin der Wahlen ist jedoch die Ex-Umweltministerin Marina Silva (Sozialistische Partei). Silva, die im Vorfeld als Hauptkonkurrentin von Rousseff galt und im Wahlkampf von der Regierungspartei PT immer wieder hart attackiert wurde, konnte nur 21% der Wählerstimmen erringen.
Silvas Anhänger werden die Stichwahl entscheiden
Diese 21% werden bei der Stichwahl entscheidend sein. Denn wenn sie in das Lager des sozialdemokratischen Kandidaten Neves wechseln sollten, stehen seine Chancen gut, Rousseff, deren Partei PT seit zwölf Jahren das Land regiert, im Präsidentenamt abzulösen. Silva hat noch keine klare Wahlempfehlung ausgesprochen, zunächst will sie mit den Parteien verhandeln. In einer Rede nach der Wahl betonte sie jedoch, dass sich Brasilien einen Wandel wünsche. In Fragen der Wirtschaftspolitik steht sie Neves nahe, der für freie Märkte eintritt und die Korruption in der Regierungspartei kritisiert. Bei anderen Themen, wie etwa der Umweltpolitik, sind die Schnittmengen jedoch deutlich geringer. Ob sie sich tatsächlich auf Neves‘ Seite schlägt und ob ihre Anhänger überhaupt einer Empfehlung folgen werden, ist also noch offen. Rousseff hat bereits angekündigt, für die Mehrheit der Brasilianer kämpfen zu wollen. So oder so werden die drei kommenden Wochen wohl noch einen äußerst harten Wahlkampf bringen, bevor sich entscheidet, wer in Zukunft die Geschicke des größten südamerikanischen Landes lenkt.
Brasilien rutscht in die Rezession
Brasilien ist zur Überraschung vieler Experten in eine tiefe Rezession geschlittert. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im ersten Halbjahr 2014 deutlich, wie aus den Daten des brasilianischen Statistikamtes nun hervorgeht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gab zwischen den Monaten April und Juni um bis zu 0,6 Prozent nach. Zu Jahresbeginn hatte das Minus nur bei 0,3 Prozent gelegen. Die Fußball-WM im Juni und Juli hatte einen spürbaren Bremseffekt für die einheimische Wirtschaft zur Folge, denn die Fabriken schränkten an den Spieltagen ihre Produktion ein, da die Städte wegen der Spiele eigene Feiertage ausriefen. Die Behörden wollten mit diesem Schritt die enormen Verkehrsstaus und andere logistische Probleme rund um die WM-Stadien eindämmen.
Abschwung kommt überraschend
Das die Konjunktur des riesigen Flächenlandes nun ins Stocken geraten ist, kommt für die Regierung in der Hauptstadt Brasilia überraschend. Bei einer ersten Schätzung für den Jahresbeginn war beim BIP noch ein Plus von 0,2 Prozent veranschlagt worden. Weil die Wirtschaft nun aber gleich zwei Quartale in Folge geschrumpft ist, sprechen einheimische Volkswirte von einer „technischen Rezession“. Zuletzt war die Wirtschaft Brasiliens während der Finanzkrise 2008 dermassen stark geschrumpft.